QUALZUCHT

Zur Person:
Als eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der kynologischen Genetik gilt Dr. Irene Sommerfeld-Stur. 
Bis zum Juni 2012 lehrte und arbeitete sie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Aber auch in Ihrem Ruhestand ist sie der Hundegenetik treu geblieben. Vor allem die Schwierigkeit um Erbfehler und die Sachverhalte um die Qualzucht, als auch populationsgenetische Aspekte und Verhaltensgenetik sind ein Schwerpunkt ihrer Arbeiten.

Die Erkenntnisse ihrer jahrzehntelangen Forschung hat sie unter anderem in ihrem wegweisendeBuch „Rassehundezucht“ veröffentlicht.

Beratung, Vorträge und Seminare für Züchter und Zuchtverbände und ihre Autorentätigkeit für das Hundemagazin WUFF ergänzen ihre Tätigkeiten für die unterstützende Aufklärung in diesem schwierigen wissenschaftlichen Feld.

 


 

Privat führt sie einen Blog auf dem Hundehalter und Hundezüchter einen bunten Strauß fachlicher Themen vorfinden, der kompliziertegenetische Zusammenhänge frei und gut verständlich zugänglich macht. Eine absolute Pflichtlektüre für alle Beteiligten die sich dem Thema Rassehundezucht verschrieben haben.
Hunde sind bis heute ihre große Liebe neben der Wissenschaft…

 

Momentan ist ein Thema immer häufiger in den Medien zu finden: Qualzucht

 

Die möglichen Problematiken die rund um die Rassehundezucht auftreten, bescheren nicht nur den betroffenen Hunden einen enormen Leidensdruck, sondern auch ihren Besitzern.
Epilepsie, Atemnot, Hautprobleme oder Allergien sind nur die altbekannte Spitze des Eisberges der gesundheitlichen Beeinträchtigungen, von denen viele unserer Rassehunde betroffen sind.

Warum wird dem nicht endlich ein Riegel vorgeschoben?
Welche Möglichkeiten bietet uns die moderne Wissenschaft?
Gibt es einen Ausweg aus der Misere?

Da ich selbst schon zwei Setter aus einer VDH-Zucht hatte die von schweren Erbkrankheiten betroffen waren, habe ich die führende Wissenschaftlerin auf diesem Gebiet, Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur zu mir eingeladen, um einen kleinen Teil der Aufklärung beizusteuern…und so vielleicht einige Schicksale zu retten.
Es gilt die richtigen Entscheidungen zu treffen…
denn die moralische Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen von uns!

Interview: Daniela Antoni und Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur

Frau Professor…
Beim Thema Qualzucht, das aktuell immer mehr ins Interesse der Öffentlichkeit rückt, fragt sich wohl jeder der sich bereits mit dem Thema beschäftigt hat: Wo kann man hier eine Grenze aufzeigen bzw. wo beginnt Qualzucht?

Bei uns in Österreich sind Qualzuchtmerkmale u.a. Atemnot, Bewegungsanomalien, Taubheit, Missbildungen der Schädeldecke, usw.. Diese stellen einen Verstoß gegen unser Tierschutzgesetz dar. Doch wo ist der Grenzwert der eine Ja/Nein-Aussage rechtfertigt? Ab wann empfindet ein Tier Schmerzen, Leiden, Schäden oder Angst? Das wesentliche Problem der Qualzucht ist, dass eine genau definierte Grenzziehung nicht objektiv möglich ist und das macht es so schwer dagegen vorzugehen.

Qualzucht ja oder nein
Ja oder nein?

Die Bundesregierung hat bereits 2002 ein Gutachten in Auftrag gegeben, dass als Leitlinie für Züchter anzusehen ist, um so auf die Aspekte des Deutschen Tierschutzrechtes hinzuweisen.
Auch in Österreich werden Bestrebungen unternommen, um „die Regeln“ von staatlicher Seite aus gemeinsam mit dem Dachverband vorzugeben. An dem Projekt „Konterqual“, haben Sie mitgearbeitet. Was kann man sich von staatlichen Eingriffen erhoffen wenn es um tierschutzrelevante Hundezucht geht?

Nachdem das Tierschutzgesetz am 01.02.2008 geändert wurde, konnte auch der Begriff Qualzucht explizit formuliert werden und es lassen sich nun eine Reihe von Merkmalen dort nachlesen die den Tatbestand „tierschutzrelevanter Hundezucht“, wie oben exemplarisch genannt, erfüllen. Um eine gesundheitliche Verbesserung bei den betroffenen Rassen zu erreichen, müssten Institutionen zur Verfügung stehen, die das Gesetz auch durchsetzen. Das dürfte in Deutschland ebenso problematisch sein, wie bei uns in Österreich.
Eine gesetzliche Umsetzung des Qualzuchtverbotes kann daher immer nur eine Einzelfallentscheidung sein. Jeder einzelne Fall müsste zur Anzeige gebracht werden und überprüft werden, ob der Tatbestand erfüllt ist oder nicht…und da sind wir wieder bei der schwierigen Nachweisbarkeit.

Als Dachverband für Hundezüchter gilt in Deutschland der VDH. Er erwartet von seinen Züchtern, dass sie wenn gesundheitliche Probleme vorliegen, nicht mit den kranken Tieren weiterzüchten.
Für einige Rassen sind spezifische Tests vorgeschrieben. Bestimmte Rassen unterstehen sogar direkt dem VDH, wie die Englische Bulldogge bei der im Jahre 2015 gerade einmal 15 Welpen gezüchtet wurden.
Der Markt für „Züchter“ bzw. Vermehrer außerhalb des VDH boomt jedoch nicht nur für die kurznasigen Rassen.
Was ist von ebay-Welpen und „Züchtern“ zu halten, die keinem Verband angehören der dem VDH angegliedert ist?

IIn den einzelnen Rassezuchtverbänden die dem VDH bzw. dem ÖKV angehören, sind gewisse Auflagen vorgeschrieben. Belastungstests, aber auch rassespezifische Gesundheitstests wie z.B. HD-Auswertungen für Rassen bei denen die Hüftdysplasie eine Rolle spielt oder Augenerkrankungen wie PRA und noch viele andere spezifische Tests spielen bei Elterntieren eine Rolle die zur Zucht zugelassen werden.
In Dissidenzvereinen (Vereine außerhalb des VDH) können auch gute Welpen gezüchtet werden, wenn die nötigen Untersuchungen stattfinden.

In Dissidenzvereinen ist Kreuzungszucht möglich, die eine Bereicherung für die genetische Vielfalt darstellt. Bei Möpsen z. B. konnte mit der Einkreuzung von Parson Russell Terriern eine Verlängerung des Gesichtschädels erzielt werden und so eine Verbesserung des Atemnotproblems erreicht werden. Dies ist unter dem VDH nicht möglich.
Doch auch in Rassehundezuchtvereinen die unter dem VDH züchten ist es jedem Züchter möglich in eine weniger extreme Richtung einer Rasse zu züchten, selbst wenn er die klassische Linienzucht praktiziert.

Da Heimtierzucht nicht gesetzlich geregelt ist, kann im Bereich der Hundezucht genau genommen jeder züchten was und wie er will. Da es auch ohne größeren Aufwand möglich ist einen Hundezuchtverband zu gründen und im Computerzeitalter auch die Erstellung attraktiver Abstammungspapiere kein Problem darstellt, sollte sich jeder Welpeninteressent im Vorfeld genau informieren.
Generell gilt: alle Hundezuchtverbände, auch jene die dem VDH angehören, sind private Verbände in denen es keine offiziellen Qualifikationsanforderungen für Funktionäre und Züchter gibt.

Bei Welpen ganz ohne Abstammungsnachweis die oftmals aus Importen stammen, fehlen in aller Regel notwendige Gesundheitstests und die Hunde bergen zudem noch andere Risiken.
Das Verhalten kann durch eine bereits frühe Trennung von der Mutter negativ beeinflusst sein und auch die Umstände unter denen die Mutter gehalten wird, bzw. die Welpen aufwachsen haben einen Einfluss. Die Epigenetik spielt hier eine nicht zu unterschätzende Rolle. Will man stressresistente, selbstsichere, ausgeglichene Hunde züchten, ist eine liebevolle Betreuung der Welpen in den ersten Lebenswochen durch die Mutter, aber auch durch den Züchter, eine unabdingbare Vorraussetzung.

Qualzucht ja oder nein
Ja oder nein?

Nun haben wir es mit der Kurznasigkeit, dem Zwergwuchs, der übermäßigen Bildung von Hautfalten mit eher optischen Anhaltspunkten zu tun die in den Tatbestand Qualzucht umschlagen können.
Doch auch in den Genen unserer Rassehunde finden sich Erbkrankheiten, die als „wesentliche Beeinträchtigung physiologischer Lebensabläufe“ unter die Definition Qualzucht fallen.
Neurologische Symptome (z.B. Epilepsie) oder der frühzeitige Tod durch die Herzmuskelerkrankung DCM beim Dobermann sind solche Beispiele. Warum scheitern hier mögliche Bekämpfungsstrategien?

Ein großes Problem bei der Bekämpfung genetischer Defekte ist die Tatsache, dass viele Hunde, die ein oder mehrere Defektgene tragen, von ihrem äußeren Erscheinungsbild völlig unauffällig sind. Zudem besteht häufig die Tatsache, dass nicht nur ein Gen beteiligt ist, sondern viele Gene und das erschwert die Bekämpfung.

Eine Möglichkeit Anlageträger von Nicht-Anlageträgern eines Krankheitsgens zu unterscheiden, wäre auf die Nachkommen zu schauen.
Viele Deckrüden haben aber bereits eine bestimmte Anzahl Welpen „zur Welt gebracht“ wenn die ersten Krankheitsfälle auftauchen und so kommt es auch bei der Zucht mit bestem Wissen und Gewissen zu Krankheitsfällen.
Im Falle von DCM beim Dobermann könnte eine Zuchtstrategie sein, die Deckrüden erst ab einem bestimmtem Alter der Zucht zuzuführen, da die meisten der erkrankten Tiere bereits vor dem 6. Lebensjahr versterben. Der Einsatz älterer, gesunder Zuchttiere ist bei Hündinnen jedoch eher schwierig, da hier auch immer ein gewisses Risiko für eine Schwangerschaft in zunehmendem Alter besteht.

Jede Rasse sollte deswegen individuell und kritisch betrachtet werden beim Auftauchen von Krankheitsfällen, um so mit geeigneten Maßnahmen gegenzusteuern.

Das erfordert in nicht wenigen Fällen ein Umdenken der Züchter und von Zuchtverbänden und eine intensive Kooperation zwischen Züchtern und Veterinärmedizinern.

Gibt es populationsgenetische Möglichkeiten um das Auftreten genetischer Defekte aufzuzeigen? Welche Chancen liegen in der Populationsgenetik?

Die Populationsgenetik ist eines der Standbeine der Hundezucht und gleichzeitig auch ein Stiefkind.
Ohne sie geht es nicht und doch werden sinnvolle Möglichkeiten die wir durch sie haben oft vergeben.
Die Einkreuzung von rassefremden Individuen wäre eine Möglichkeit die Varianz von Rassen mit genetischen Engpässen wie zum Beispiel dem Kromfohrländer zu verbessern und so auch gleichzeitig dem extremen Phänotyp entgegenzuwirken.

Die Kreuzung von Mops mit Parson Russell Terriern aus dem der Retro Mops entstanden ist wäre als Beispiel für die Möglichkeit, verloren gegangene Merkmale wieder in eine Population zu bekommen, zu nennen. Über solche Einkreuzungen lässt sich der Mops in zwei bis drei Generationen zu einem gesundheitsverträglichen Rassetyp verändern. Leider sind solche Kreuzungsprojekte oft nur außerhalb des VDH möglich. Und es ist auch schwierig geeignete Rüden als Kreuzungspartner zu bekommen, denn Züchtern die einen Rüden für eine Kreuzung zur Verfügung stellen, droht der sofortige Ausschluss aus dem Zuchtverband unter dem VDH. Ganz abgesehen davon lehnen die meisten VDH-Züchter Kreuzungen sowieso grundsätzlich ab.

Die Populationsgenetik bietet eine Reihe von züchterischen Instrumenten. Sowohl klassische wie die Decklimitierung von Rüden oder auch moderne wie der Einsatz molekulargenetischer Diagnoseverfahren.
Es gilt spezifische Lösungsansätze zu erarbeiten, die auf die jeweilige Rasse zugeschnitten sind. Dabei sollte man weder zu engstirnig auf der konservativen Reinrassigkeit beharren, noch die Risiken von fremden Defektgenen in der Einkreuzungszucht aus dem Auge verlieren.

Was ist von Designerhunden zu halten wie dem Puggle oder dem Labradoodle? Aktuell finden sie sich immer öfter und es werden nicht selten hohe Summen für diese Hunde bezahlt.

Grundsätzlich ist die Idee nicht schlecht – die Kreuzungstiere haben eine bessere Fitness und ihr Phänotyp ist anders als bei normalen Mischlingen vorhersagbar. Allerdings wird die Idee oft missbraucht.
Die Elterntiere müssen genau wie in der Reinzucht nach bestimmten Merkmalen und nach Gesundheit selektiert werden.

Falls die beiden Rassen vom Körperbau zu unterschiedlich sind, kommt es zu Problemen. Es können physiologische und nicht selten psychologische Belastungen entstehen, denn auch das Temperament der gepaarten Rassen muss zusammen passen.
Eine neue Rasse entsteht hier nicht – lediglich ein teurer Hybrid.

Auch exotische Fellfarben sind sehr gefragt aktuell. Wie Merle-Chihuahua oder silberne Labradore (charcoal). Wie beurteilen Sie diesen Trend in der Hundezucht?

Die Farbverdünnung die beim Weimeraner rassetypisch ist, kann sich bei der Einkreuzung mit einer anderen Rasse krankmachend für die Nachkommen auswirken.
Der silberne Labrador ist eine farbverdünnte Variante des braunen Labrador (Verdünnung von braun). Die Farbaufhellung wird durch eine Verpaarung mit dem Weimaraner erreicht und kann zu schlimmen Hautproblemen und Haarausfall bei den Nachkommen führen, wenn das Dilute-Gen vorliegt.

Auch bei der Verpaarung von 2 heterozygoten Merleträgern können bei den Nachkommen Probleme wie extremer Pigmentmangel mit Störungen der Sinnesorgane (Gehör, Sehvermögen, Gleichgewicht) auftreten.

Ein Wissen um die genetischen Feinheiten ist hier also von enormer Bedeutung.

Wie groß schätzen Sie den Einfluss von Ringrichtern im Ausstellungswesen ein, wenn es um die Ausprägung qualzuchtrelevanter Merkmale geht? 

Ein Richter muss sich im Ausstellungsring grundsätzlich am Rassestandard der jeweiligen Rasse orientieren.
Er hat jedoch einen sehr großen Interpretationsspielraum, mit dem er Abweichungen gewichtet und er entscheidet somit wen er auf den ersten Platz stellt. 

So konnten im Laufe der Jahre aus kleinen Hunden extrem kleine werden, aus großen Hunden riesige und aus kurzköpfigen Hunden völlig nasenlose werden.
Obwohl die Ausbildung von Richtern sehr anspruchsvoll ist, scheinen die Bereiche die genetisches und veterinärmedizinisches Wissen betreffen, eher stiefmütterlich behandelt zu werden.

…und der Einfluß der Zuchtverbände?
Ein Ringrichter der seine Funktion auch regelmäßig ausüben möchte, muss sich zwangsläufig an den Intentionen des Zuchtverbandes orientieren, die die Entwicklung einer Rasse mitsteuern. Somit sind Zuchtverbände ebenfalls eng an der Tendenz die eine Hunderasse nimmt beteiligt.

Ja oder nein?

Viele Menschen haben durch die Presse, die Medien und eigene Erfahrungen das Vertrauen in Züchter des VDH verloren. Ist selbst verantwortungsvolle Zucht unter einem Dachverband zu einem Glücksspiel geworden?

Wäre es besser man holt sich einen Welpen aus einer ungeplanten Hobbyzucht bei der zwei Rassehunde ohne Papiere gepaart wurden um der Mutterhündin einmal Welpen zu schenken?

Der Zufall spielt immer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aus Resignation zum Hinterhofzüchter zu wechseln ist sicherlich auch keine Lösung. Der Welpenkäufer trägt jedenfalls auch viel Verantwortung. Er sollte sich vor dem Kauf umfassend über die gewählte Rasse informieren und beim Züchter gezielte Fragen stellen. Dann kann er das Risiko für sich abschätzen.
Ein entscheidendes Kriterium bei einem verantwortungsvollen Züchter ist neben gesundheitlichen Tests zudem der Fokus auf einer guten und liebevollen Frühsozialistation der Welpen.

Eine letzte Frage. Der Welpenkäufer hat enorme Macht wenn es um einen Ausweg aus dem Qualzuchtdilemma geht. Hätten Sie drei Wünsche frei, was würden Sie sich für diese Gruppe wünschen?

Information, Information, Information!
Was sind die typischen Krankheiten der Rasse? Passt der Charakter?… und, und, und.

Die wenigsten Hundekäufer informieren sich im Vorfeld umfassend über die möglichen gesundheitlichen Belastungen einer Rasse. Jeder Käufer eines Kühlschrankes oder eines Autos besitzt mehr Hintergrundinformationen über das Objekt das er kaufen will. Wir haben es hier jedoch mit lebenden Geschöpfen zu tun.

Deswegen sollte keine Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen werden. Wichtig sind sachliche Informationen.

Der Käufer trägt eine enorme Verantwortung, die Nachfrage bestimmt den Markt.

Ich bedanke mich für dieses aufschlussreiche Interview Frau Professor!

Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel

16.10.2014
Von Ralph Rückert, Tierarzt

Ich gehöre zu einer Generation von Tierärzten, der beigebracht wurde, eher beiläufig und ohne großes Nachdenken alles zu kastrieren, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Für einige Tierarten ist das auch nach wie vor der einzig gangbare Weg. Katzen beiderlei Geschlechts werden nun einmal erst durch die Kastration zu Haustieren. Auch Kaninchen und einige Nager können unkastriert eigentlich nicht artgerecht gehalten werden. Beim Hund waren wir aber bezüglich der Kastration nie in einer echten Zwangslage. Man kann mit entsprechendem Aufwand selbstverständlich intakte Rüden und Hündinnen völlig artgerecht halten. Andere Gründe waren ausschlaggebend: Die Prophylaxe verschiedener Erkrankungen, verhaltensmedizinische Probleme und die generelle Erleichterung der Haltung für den Besitzer. Den Vorteil der Unfruchtbarmachung hat man eher nebenbei mitgenommen. Wir lebten in der Überzeugung, dass wir den Hunden auf jeden Fall etwas Gutes tun. Diesbezüglich wird uns aber nun gerade der Teppich unter den Füßen weggezogen! Wenn Sie es irgendwo laut krachen hören, könnte das der Aufprall unseres kollektiven tiermedizinischen Hinterns auf dem Boden sein.
 
Es ist nicht so, dass ich nicht schon seit einigen Jahren die Glocken hätte läuten hören. Immer wieder kamen Studien heraus, die den Verdacht nährten, dass die Nebenwirkungen der Kastration des Hundes bei beiden Geschlechtern weit über das hinausgingen, was wir bisher für gegeben erachtet hatten. Es handelte sich aber erstmal nur um einzelne Veröffentlichungen, die teilweise auch gleich wieder mit Gegenstudien angegriffen wurden. Nun sind aber erste sogenannte Metaanalysen im Umlauf, also Arbeiten, die die Ergebnisse mehrerer Studien zu einem Thema zusammenfassen. Auch deren Folgerungen sind nach wie vor beileibe nicht unumstritten, aber es zeichnet sich doch ein klarer Trend ab, auf den ich als Praktiker an der Front reagieren muss.

Prof. Dr. Börne aus dem Münsteraner Tatort-Team sagte in der letzten Folge sinngemäß: Feste Überzeugungen sind was für schlechte Ärzte, Heilpraktiker und Taxifahrer! Er hat auf jeden Fall damit recht, dass gute Mediziner sich immer darüber im Klaren sein müssen, dass die Medizin eine Wissenschaft ist und dass die Wissenschaft nicht stillsteht. Das kann manchmal, so erschreckend das sowohl für Arzt als auch Patienten sein mag, zu einem recht abrupt wirkenden Kurswechsel führen. Und genau so etwas kündigt sich jetzt bezüglich der Hundekastration an.

Was haben wir bisher als Tatsachen gesehen? Trennen wir es mal der Übersichtlichkeit halber nach Geschlecht auf und fangen wir mit der Hündin an. Während unserer immer schon sehr ausführlichen Kastrationsberatung wurden Besitzer von Hündinnen seit jeher auf die folgenden Risiken hingewiesen: 
-Harninkontinenz (Harnträufeln), das um so wahrscheinlicher auftritt, je schwerer die Hündin wird.
-Fellveränderungen (Baby- oder Wollfell), sehr häufig auftretend bei langhaarigen Rassen.
-Fettleibigkeit, die vor allem dann entsteht, wenn die Fütterung nicht an den reduzierten Kalorienbedarf nach einer Kastration angepasst wird.
-Seit einigen Jahren weisen wir auch auf unsere persönliche Erfahrung hin, dass die unter Hunden weit verbreitete Schilddrüsen-Unterfunktion (Hypothyreose) so gut wie ausschließlich bei kastrierten Tieren festgestellt wird.

Das war's aber auch schon. Was haben wir als Vorteile erwähnt?
-Keine Läufigkeit mehr (keine Blutung, keine ungewollte Fortpflanzung)
-Je nach Zeitpunkt der Kastration so gut wie vollständige Verhinderung von Mammatumoren (Brustkrebs)
-Definitive Vermeidung von Eierstock-Tumoren und der Gebärmutter-Vereiterung (Pyometra)
-Stabilisierung der Psyche durch Vermeidung starker hormoneller Schwankungen im Rahmen der Läufigkeit, allerdings mit der Einschränkung, dass bei manchen Hündinnen nach der Kastration ein gewisser Testosteron-Überhang entsteht, was die Hündin insgesamt männlich-grimmiger machen kann.

Auch das Für und Wider der im angloamerikanischen Kulturraum so weit verbreiteten Frühkastration (vor der ersten Läufigkeit) wurde besprochen. Ich bilde mir ein, dass ich nie einen Hündinnen-Besitzer zu etwas gedrängt habe. Mir war immer wichtig, dass der Verantwortliche in möglichst umfassender Kenntnis der aktuellen Faktenlage eine Entscheidung trifft und dann deren Vor- und Nachteile akzeptiert.

Beim Rüden war die Kastration immer eine Kann-aber-muss-nicht-Geschichte. Die krankheitsverhütenden Auswirkungen waren recht überschaubar, die Nebenwirkungen auch.
Nachteile:
-Auch beim Rüden tritt gelegentlich Harninkontinenz auf, aber viel seltener als bei der Hündin.
-Das gleiche gilt für Fellveränderungen.
-Das Problem des verringerten Kalorienbedarfs besteht völlig analog zur Hündin, also werden Rüden, die nach der Kastration die gleiche Futtermenge wie zuvor bekommen, ebenso fettleibig.
-Ebenfalls wie bei der Hündin stellen wir Schilddrüsenunterfunktionen eigentlich nur bei kastrierten Tieren fest.
Bezüglich der Vorteile lag die Hauptbetonung immer auf einer vom Besitzer erhofften Modifikation des typischen Rüdenverhaltens (Markieren, sexuell motivierte Aggression, Streunen, etc.). Von einer krankheitsverhütenden Wirkung ging man aus bezüglich:
-Hodentumoren (logisch!)
-Prostatatumoren
-Gutartiger Prostatavergrößerung
-Perianaltumoren

Auch in dieser Frage haben wir keinen Besitzer zu irgendetwas gedrängt, sondern eine eigene, auf Fakten beruhende Entscheidung gefördert. Allerdings sind wir seit der Markteinführung des Suprelorin-Implantates, das einen Rüden für eine bestimmte Zeit hormonell und reversibel - sozusagen auf Probe - kastriert, auch in Bezug auf diese Operation sehr zurückhaltend geworden.

Insgesamt kann man sagen, dass wir bei beiden Geschlechtern bis vor einiger Zeit der Ansicht waren, dass die Vorteile die Nachteile eher überwiegen. Wir haben diesen Standpunkt nicht nur vertreten, sondern durchaus selbst befolgt. Unsere Ridgeback-Hündin Nandi, die vor vier Jahren gestorben ist, war kastriert. Laurin, der jetzt zehn Jahre alte Rüde unserer Tochter, ist ebenfalls kastriert. Unser jetziger Hund, der vier Jahre alte Terrier-Rüde Nogger, ist es dagegen nicht. Was hat sich geändert? Ich muss dazu etwas weiter ausholen, bitte halten Sie durch!

Ich behaupte, dass die Tiermedizin als Wissenschaft sich zu lange auf sehr alten Studien zu dieser Thematik ausgeruht hat. Viele der Daten, mit denen wir argumentiert haben, stammen aus den Siebziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts. In letzter Zeit aber setzt sich in der medizinischen Wissenschaft ein neues Denken durch, die sogenannte Evidenzbasiertheit, was (vereinfacht) bedeutet, dass sich möglichst jede medizinische Vorgehensweise auf tatsächlich beweisbare Fakten stützen sollte. Dementsprechend wird momentan alles in Frage gestellt, was immer schon als Tatsache galt, aber nie so richtig bewiesen wurde. So wuchs auch der Drang der Forscher, das alte Thema der Kastration erneut aufzugreifen. Wie weiter oben schon erwähnt: Zuerst waren es einzelne und stark in Zweifel gezogene Studien, die zur Veröffentlichung kamen und noch keinen echten Anlass für einen Kurswechsel darstellten. Inzwischen verdichtet sich die Datenlage aber derart, dass man sie nicht mehr ignorieren kann.

Was ist jetzt das Problem, fragen Sie? Das Hauptproblem, mit einem Wort ausgedrückt, ist Krebs! Mit der Kastration wird einerseits das Auftreten bestimmter Tumore verhindert, andererseits aber steigt das Risiko für andere Krebsarten, und zwar wahrscheinlich so deutlich, dass das gesamte bisherige Kastrationskonzept in Frage gestellt wird. Einer der wichtigsten Grundsätze der Medizin lautet: Nihil nocere! Niemals schaden! Für mich sieht es inzwischen fast so aus, als ob man einen Hund nicht mehr ohne strengste Indikationsstellung kastrieren könnte, ohne diesen Grundsatz zu verletzen. 

Eine der umfassendsten und bezüglich der Fallzahlen beeindruckendsten Arbeiten zu dem Thema ist für mich "Evaluation of the risk and age of onset of cancer and behavioral disorders in gonadectomized Vizslas (Risiko und Erkrankungsbeginn von Krebs und Verhaltensstörungen bei kastrierten Vizslas)". In dieser im Februar diesen Jahres im angesehenen Journal of the American Veterinary Medical Association veröffentlichten Studie greift die Kollegin Christine Zink auf die Daten von 2505 (!) ungarischen Vorstehhunden (Magyar Vizsla) zurück. Es macht im Rahmen eines Blog-Artikels wie diesem keinen Sinn, detailliert auf Kollegin Zinks Ergebnisse einzugehen, aber alles in allem muss man feststellen, dass kastrierte Tiere beiderlei Geschlechts ein teilweise um ein Mehrfaches erhöhtes Risiko aufwiesen, an bestimmten Krebsarten (Mastzelltumore, Hämangiosarkom, Lymphosarkom) zu erkranken, und das auch noch zu einem deutlich früheren Zeitpunkt als intakte Artgenossen. Auch bestimmte Verhaltensstörungen, vor allem die Angst vor Gewittern, kamen bei kastrierten Tieren deutlich häufiger vor. Andere Studien belegen, dass das Risiko für die Entwicklung eines Osteosarkoms (Knochenkrebs) für kastrierte Hunde um das drei- bis vierfache erhöht ist. Selbst die Datenlage zur Verhinderung von Gesäugetumoren durch die Kastration steht unter Beschuss. Und bösartige Prostatatumoren beim Rüden treten bei Kastraten nicht seltener, sondern häufiger auf!
Insgesamt wird die erhöhte Anfälligkeit für Tumorerkrankungen aktuell mit einer durch den Wegfall der Geschlechtshormone zusammenhängenden Beeinträchtigung des Immunsystems in Zusammenhang gebracht. Dafür spricht auch, dass bei kastrierten Hunden offenbar sogar eine höhere Infektanfälligkeit nachzuweisen ist.

Besonders bedrückend ist für mich, dass eine Kastration fast sicher das Auftreten von Hämangiosarkomen, den berüchtigten Milztumoren, fördert. Ich bin auf diese Erkrankung in einem früheren Blogartikel schon einmal eingegangen. Mit dieser extrem bösartigen und gefährlichen Tumorart haben wir es bei älteren Hunden andauernd zu tun. Unsere Nandi wurde aufgrund metastasierter Milztumore eingeschläfert. Die Vorstellung, dass wir diese fiese Krankheit durch Kastration auch noch gefördert haben sollen, finde ich einfach schrecklich. Meine amerikanische Kollegin und Krebsspezialistin Alice Villalobos findet dafür einen sehr passenden Ausdruck: Earth shattering!

Damit leider nicht genug: Auch verschiedene orthopädische Probleme werden inzwischen mit der Kastration in Verbindung gebracht. Bezüglich Kreuzbandrissen scheint es bereits unumstritten festzustehen, dass diese Verletzung bei kastrierten Tieren deutlich häufiger vorkommt. Es gibt aber auch Hinweise, dass sogar Hüftgelenkarthrosen bei Kastraten früher und schlimmer auftreten. Letzteres scheint aber noch nicht wirklich sicher. Ziemlich klar dagegen ist der Zusammenhang zwischen der Kastration und der häufigsten endokrinologischen Störung des älteren Hundes, der Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). 

Nachdem, wie schon erwähnt, momentan alles in Frage gestellt wird, was bisher galt, könnte man noch einige Punkte mehr aufführen, aber das bringt uns an dieser Stelle nicht weiter. Wenn wir den Grundsatz, niemals schaden zu wollen, ernst nehmen, ist es hier und jetzt Zeit für einen Kurswechsel. Wir können beim Hund nicht mehr guten Gewissens einfach so im Vorbeigehen kastrieren! Selbstverständlich wird es nach wie vor Hunde geben, die nach sorgfältigster Abwägung der individuellen Umstände trotzdem kastriert werden. Da mögen bestimmte Haltungsbedingungen (Hündin und Rüde im gleichen Haushalt) vorliegen oder gute medizinische Gründe (Perianaltumore oder eine Perinealhernie beim Rüden, chronische oder akute Gebärmuttererkrankungen bei der Hündin), die einfach keine andere Wahl lassen. Von solchen klaren Indikationen aber abgesehen werden wir in Zukunft mit Kastrationen in unserer Praxis noch zurückhaltender sein als wir es in den letzten Jahren sowieso schon waren.

Ach ja, ein letzter Punkt vielleicht noch: In letzter Zeit scheint es sich zu häufen, dass Hundetrainerinnen und Hundetrainer es sich zutrauen, speziell bei Rüden eine Kastrationsindikation zu stellen, um Erziehung und Handling zu erleichtern. Die Besitzer treten dann an uns heran mit der Bitte, den Hund zu kastrieren, weil es die Trainerin oder der Trainer so angeraten habe. Davon kann unter Berücksichtigung der erläuterten Faktenlage natürlich gar keine Rede sein! Eine sich eventuell etwas schwieriger als erwartet gestaltende Erziehung stellt zumindest in unserer Praxis keine ausreichende Begründung für diesen Eingriff dar.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Besitzer von Hunden, die irgendwann in unserer Praxis kastriert wurden, jetzt darüber unglücklich oder gar auf uns sauer sind. Das ist einerseits auf der emotionalen Ebene ein Stück weit nachvollziehbar, andererseits kann ich den Vorwurf nur an die in der Forschung arbeitenden Stellen weitergeben. Ich bin als Praktiker von der Forschung und ihren Erkenntnissen abhängig und beileibe nicht glücklich, dass man sich bezüglich dieses Themas gute dreißig Jahre auf alten Lorbeeren ausgeruht hat. Davon abgesehen: Bitte keine Panik, dazu gibt es absolut keinen Anlass. Wenn wir beispielsweise bei einer bestimmten Tumorart von einer Verdreifachung des Risikos sprechen, klingt das im ersten Moment wirklich übel. Wenn man sich aber klar macht, dass diese Tumorart an sich nur eine Wahrscheinlichkeit von 1,5 Prozent hat, dann bedeuten die aus einer Verdreifachung des Risikos resultierenden 4,5 Prozent immer noch, dass ein ganz bestimmter Hund diesen Tumor zu 95,5 Prozent NICHT bekommen wird.

Viele, nicht zuletzt Kolleginnen und Kollegen, werden einwenden, dass ein solcher Kurswechsel langfristig auch wieder bestimmte Konsequenzen haben wird. Stimmt! Wir werden bei intakten Hündinnen eventuell wieder öfter Gesäugetumoren und ganz sicher wieder mehr Gebärmutter-Vereiterungen (Pyometren) sehen. Aber auch das ist eben eine Sache der Risikoabwägung. Ein gut aufgeklärter Besitzer wird sowohl ein Gebärmutter-Problem als auch einen Gesäugetumor frühzeitig erkennen und entsprechend beim Tierarzt vorstellen. Die Chancen einer frühen und erfolgreichen chirurgischen Intervention sind dann ganz entschieden besser als bei einem Hämangiosarkom der Milz oder gar einem Lympho- oder Osteosarkom.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich mit dieser für meine Praxis geltenden Positionsfestlegung in das sprichwörtliche Wespennest steche, und zwar gleichermaßen bei Hundebesitzern und bei Tierärzten. Sicherlich wird es viele Praxen geben, die bereits einen vergleichbaren Standpunkt eingenommen haben, dies aber nicht per Blog-Artikel öffentlich machen. Andere Kolleginnen und Kollegen werden meine Einlassungen als viel zu vorschnell verurteilen und nach immer noch beweiskräftigeren Studien rufen. Mir geht es um zwei Punkte: In erster Linie möchte ich mit diesem Artikel meine Kunden darüber informieren, dass sich etwas Grundlegendes geändert hat. Darüber hinaus würde ich ungern erleben, dass wir, wie damals bei der Verlängerung der Impfintervalle, eine neue Entwicklung komplett verpennen, um dann 5 bis 10 Jahre hinter den Amerikanern her zu hinken.

Sobald sich der Staub etwas gelegt hat (was noch einige Zeit dauern kann), werden wir für unsere Kunden ein Aufklärungsformular verfassen, in dem alle bis zu diesem Zeitpunkt als gesichert geltenden Fakten aufgeführt sind.

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen

Sie können jederzeit und ohne meine Erlaubnis auf diesen Artikel verlinken oder ihn auf Facebook bzw. GooglePlus teilen. Jegliche Vervielfältigung oder Nachveröffentlichung, ob in elektronischer Form oder im Druck, kann nur mit meinem schriftlich eingeholten und erteilten Einverständnis erfolgen. Von mir genehmigte Nachveröffentlichungen müssen den jeweiligen Artikel völlig unverändert lassen, also ohne Weglassungen, Hinzufügungen oder Hervorhebungen. Eine Umwandlung in andere Dateiformate wie PDF ist nicht gestattet. In Printmedien sind dem Artikel die vollständigen Quellenangaben inkl. meiner Praxis-Homepage beizufügen, bei Online-Nachveröffentlichung ist zusätzlich ein anklickbarer Link auf meine Praxis-Homepage oder den Original-Artikel im Blog nötig.
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Karin und Peter Stell 67069 Ludwigshafen am Rhein, auch alle Bilder dieser HP sind © ( Copyright ) und bedürfen einer schriftlichen Genehmigung